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Liebe Eltern,

Ihr Kind ist dabei, einen wichtigen, großen Schritt zu tun: Es geht in die Schule. Dies bedeutet, dass es in eine neue Umgebung kommt, sich dort zurechtfinden muss, dass es neue Beziehungen aufbaut, dass es selbstständiger wird und dass es neue Lernerfahrungen macht.

Sie können viel dazu tun, Ihrem Kind diesen großen Schritt zu erleichtern. Dazu müssen Sie nicht zur „Hilfslehrerin“ oder zum „Hilfslehrer“ werden und am Nachmittag oder Abend den Unterricht des Vormittags zu Hause „weiterführen“. Sie bleiben aber nach wie vor die wichtigsten Ansprechpersonen Ihres Kindes: Sie ermutigen, trösten, vermitteln, helfen – und bleiben im Gespräch über Erfolge und Misserfolge.

Mit Ihnen hat Ihr Kind nicht nur „seine“ Sprache gelernt, mit Ihnen hat es alles erworben, was es jetzt braucht: Aufgeschlossenheit, Neugier, Selbstvertrauen, Lernbereitschaft. Begleiten Sie Ihr Kind auch da, wo es Zugänge zur Schriftsprache finden wird, bei der Entdeckung der Schrift, des Lesens, der Welt der Bücher.

Es ist wichtig, dass Sie Ihr Kind unterstützen bei all dem Neuen, was ihm begegnet, dass Sie ihm vor allem auch helfen, Sprache in Wort und Schrift kennen zu lernen: Nur wer lesen kann, hat in unserer Gesellschaft alle Chancen, eine gute Ausbildung zu erhalten, sich gründlich zu informieren und selbstständig zu leben. Da hilft kein Fernsehgerät – man muss schon lesen.

Wie können Sie Ihrem Kind beim Lesen lernen helfen?

  1. Lesen Sie selbst! Beispiele sind die besten Lehrer.
    Kinder sind gute Beobachter: Sie registrieren genau, wann und wozu „man“ Texte zu Rate zieht, etwa
    • weil man  Informationen braucht,
    • weil man etwas „genau“ wissen will,
    • weil man etwas Gehörtes oder Gesehenes überprüfen will,
    • weil man einen Rat braucht (- und keinen kennt, der das Problem kennt!),
    • weil man von Abenteuern erfahren will, die man nicht selbst erleben kann,
    • weil man „eine Zeit für sich“ braucht.
  1. Lesen Sie Ihrem Kind vor! Zuhören ist ein Weg zum eigenen Lesen.
    Das Vorlesen – etwa als alltägliches „Ritual“ vor dem Einschlafen - soll kein Deutschunterricht sein! Ihr Kind soll nur merken, dass Zuhören schön ist und dass in Büchern spannende und lustige Geschichten versteckt sind.
  1. Schenken Sie Ihrem Kind eigene Bücher: Bilderbücher, Kinderbücher,  Sachbücher.
    Besonders sinnvoll ist es, wenn Sie besondere Interessen Ihres Kindes mit entsprechenden Büchern verstärken und vertiefen. Suchen Sie das Gespräch über „wirkliche“ Erfahrungen, Fernseherfahrungen und Leseerfahrungen...
  1. Ihr Kind beginnt in der Schule einen Leselehrgang – begleiten Sie  diesen Lehrgang konstruktiv!
    Vielleicht wird Ihr Kind „anders“ lesen lernen, als Sie das Lesen gelernt haben: Stören Sie diesen Lehrgang nicht durch eine ganz andere Methode. Aber: Lassen Sie sich vorlesen, was Ihr Kind lesen kann! Lesen lernen hat seine Schwierigkeiten – mehr als viele Erwachsene annehmen: Auch kleine Fortschritte verdienen Anerkennung.
  1. Nehmen Sie sich Zeit – und lassen Sie Ihrem Kind Zeit.
    Üben Sie mit Ihrem Kind nicht, wenn sie selbst nervös und überreizt sind – sonst wird Ihr Kind auch nervös und überreizt!
  1. Wer lesen soll, braucht Ruhe.
    Lassen Sie nicht zu, dass der Fernseher läuft, während Ihr Kind seine ersten Leseversuche unternimmt.
  1. Wer lesen soll, braucht einen Platz, an dem er lesen kann.
    Vielleicht ein Zimmer, vielleicht auch nur eine Leseecke mit ausreichend Licht und geeignetem Möbel.
  1. Wer ruhig sitzen soll, muss sich auch ausreichend bewegen können.
    Gönnen Sie Ihrem Kind ausreichend Bewegung, Spiel und Sport im Freien!
  1. Schaffen Sie Leseanreize.
    Lesen wollen kommt vor Lesen können: Wenn Ihr Kind im Fernsehen einen Saurierfilm gesehen  hat und an Sauriern interessiert ist, beschaffen Sie ihm ein Sachbuch über Saurier ... Wenn Sie eine Reise planen, beschaffen Sie Informationstexte... Nutzen Sie die Gelegenheiten!
  1. Gehen Sie mit Ihrem Kind in Büchereien und Buchhandlungen.
    Man kann nicht alle Bücher dieser Welt zu Hause besitzen, man muss Kindern schon früh Wege zeigen, wie man zu jedem Buch auf dieser Welt kommen kann!
  1. Und wenn Ihr Kind besondere Schwierigkeiten beim Lesen hat?
    Wenn Ihr Kind einfach nicht lesen lernt, kann dies viele Gründe haben:
    Vielleicht kann es nicht gut sehen, vielleicht hat es Schwierigkeiten in der Unterscheidung von Buchstaben, vielleicht kann es sich nicht konzentrieren.  Es gibt viele Störungen – fast immer kann man helfen. Sprechen Sie zuerst mit der Lehrerin oder dem Lehrer. Ich bin sicher, dass Ihnen die Schule auch bei besonderen Problemen helfen kann oder Ihnen jemanden nennt, der weiterhilft.

Lesen können ist mehr als das Buchstabieren und das Wiedererkennen von Wörtern. Es ist der Zugang zu Wissen, Kultur und Bildung. Begleiten Sie zusammen mit der Schule Ihr Kind auf diesem Weg!

Ihrem Kind und Ihnen wünsche ich dabei viel Freude und Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen

Doris Ahnen